Offene Stellungnahme des AStA der Hochschule Niederrhein zur BAföG-Krise
Die Politik hat es zugelassen, dass sich Studieren für immer mehr Menschen von einer Chance zu einer sozialen Belastungsprobe entwickelt. Während Wohnkosten steigen, Lebenshaltung teurer wird und finanzielle Unsicherheit den Studienalltag prägt, bleibt die BAföG-Politik weit hinter dem zurück, was ein sozialer Rechtsstaat jungen Menschen schuldet. Das ist kein bedauerlicher Nebeneffekt, sondern politisches Versagen.
Als AStA der Hochschule Niederrhein widersprechen wir dieser Entwicklung entschieden. Ein Studium darf nicht zum Dauerzustand aus Existenzangst, Erwerbsdruck und Verzicht werden. Es muss ein Ort der Entfaltung sein: für Bildung, persönliche Entwicklung, gesellschaftliches Engagement, Start-up-Ideen, Forschung und Innovation. Genau dafür steht auch die Hochschule Niederrhein mit ihrem Leitsatz „Dein Weg“.
Dieser Anspruch bleibt jedoch leer, solange Politik nicht bereit ist, die materiellen Voraussetzungen für ein gerechtes Studium zu schaffen. Im Jahr 2024 erhielten nur 11,4 Prozent der Studierenden BAföG; rund 326.000 Studierende wurden im Monatsdurchschnitt gefördert, während die Zahl der Geförderten insgesamt auf den niedrigsten Stand seit dem Jahr 2000 gefallen ist. Ein Förderinstrument, das nur noch einen kleinen Teil der Studierenden erreicht, ist kein verlässliches System sozialer Absicherung mehr.
Besonders deutlich zeigt sich diese Fehlentwicklung in Nordrhein-Westfalen. Zum Start des Sommersemesters 2026 lagen die durchschnittlichen Kosten für ein WG-Zimmer in NRW bei 485 Euro, bundesweit bei 512 Euro. Gleichzeitig beträgt die BAföG-Wohnkostenpauschale 380 Euro. In teuren Hochschulstädten wie Düsseldorf oder Köln liegt die Lücke noch deutlich höher. Wer unter diesen Bedingungen studiert, finanziert Bildung nicht selten durch Überarbeitung, familiäre Abhängigkeit oder den Verzicht auf echte Teilhabe.
Das ist nicht hinnehmbar. In einem Sozialstaat darf Bildung nicht vom Einkommen der Eltern, vom Wohnort oder von der Fähigkeit abhängen, sich durch ein bürokratisches System zu kämpfen. Politik, die soziale Gerechtigkeit ernst meint, muss auch in der Bildung sozial handeln. Eine Studienfinanzierung, die zu wenig Menschen erreicht, zu geringe Unterstützung bietet und reale Lebenshaltungskosten ignoriert, verfehlt ihren Auftrag.
Als AStA der Hochschule Niederrhein fordern wir deshalb eine echte BAföG-Reform und keine weiteren kosmetischen Korrekturen. Die Fördersätze müssen deutlich steigen. Die Wohnkostenpauschale muss endlich an das tatsächliche Mietniveau angepasst werden. Der Grundbedarf muss armutsfest ausgestaltet sein. Das Antragssystem muss radikal entbürokratisiert und konsequent digitalisiert werden. Und der Kreis der Berechtigten muss durch höhere und realistischere Freibeträge spürbar erweitert werden.
Diese Forderungen sind keine Sonderwünsche. Sie sind die Mindestvoraussetzung dafür, dass Hochschulen Orte bleiben können, an denen junge Menschen sich entwickeln, Verantwortung übernehmen und Zukunft gestalten. Studierende sind nicht der Kostenpunkt von morgen, sondern die demokratische, soziale, wissenschaftliche und wirtschaftliche Zukunft dieses Landes. Wer heute nicht bereit ist, in sie zu investieren, organisiert den Mangel von morgen.
Wir richten uns deshalb ausdrücklich an die Landespolitik in Nordrhein-Westfalen, an die Bundesregierung und an alle politischen Verantwortlichen: Hören Sie auf, die soziale Realität von Studierenden zu verwalten, und beginnen Sie endlich, sie zu verändern. Eine Gesellschaft, die Innovation, Fachkräfte, Teilhabe und sozialen Zusammenhalt will, kann es sich nicht leisten, Studierende finanziell im Stich zu lassen.
Die BAföG-Krise ist kein Randthema. Sie ist eine Gerechtigkeitsfrage. Sie ist eine Bildungsfrage. Sie ist eine Zukunftsfrage. Und sie verlangt endlich politisches Handeln.
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